Anmerkung der Redaktion: dies ist das achte Ergebnis zu dieser Aufgabe, Autorin ist natürlich Karoline von Günderrode selbst, die hier aus der Ich-Perspektive erzählt. Viel Vergnügen bei der Lektüre und danke an Frau Günderrode!

451px-karoline_von_guenderodeAls ältestes von insgesamt sechs Kindern wurde ich, Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode am 11. Februar des Jahres 1780 in Karlsruhe geboren. Wer hätte damals gedacht, dass mein Leben unter einem unglücklichen Stern stehen würde?

Schon früh musste ich Verantwortung lernen und ich bekam zu spüren, was es hieß, ohne Vater aufzuwachsen. Kaum zählte ich sechs Jahre, passte ich zusammen mit meiner Mutter auf meine Geschwister auf und besorgte den Haushalt, so weit es mir möglich war und so weit es sich für ein Mädchen meines Status schickte.

Nach dem Tod meines verehrten Vaters zogen wir in ein verhältnismäßig kleines Haus, welches für unser Adelsgeschlecht mit unserem ehemaligen Status eigentlich nicht angebracht war. Doch wir hatten keine Einnahmequelle, deshalb blieb uns nichts anderes übrig.

Die nächsten Jahre waren eine Zerreißprobe für die Nerven. Wir stritten lange um das Erbe, welches und rechtlich zustand, aber dennoch angefochten wurde. Eine Mutter und ihre älteste Tochter kämpfen um das letzte Hab und Gut, das ihnen noch zu altem Glanz hätte verhelfen können. Je länger man darüber sinniert, desto lächerlicher erscheint es.

Trotz aller Gerichtsverhandlungen vergaß meine Mutter nie, wer sie war und was ich sein würde: Eine adelige Lady eines alten, ehrwürdigen Geschlechtes. Dementsprechend wurde ich auch erzogen. Immer würde und Grazie zeigen, sich Männern unterordnen. Ich fand dies lästig. Hatte ich nicht meinen eigenen Kopf? Musste ich mich immer nach dem „starken Geschlecht“ richten? Ich verstand es nicht ganz, aber ich tat, wie meine Mutter mir geheißen. Ich wollte ihr nicht noch mehr Probleme bereiten, als sie eh schon hatte.

Allerdings geriet ich ein wenig aus der Fassung als ich erfuhr, dass meine Mutter mich in das Cronstetter-Hynspergischen Stift für adlige mittellose Damen schicken wollte. Erst da spürte ich, wie es wirklich um uns stand. Es kostete mich die ganze Kraft einer jungen, 17-jährigen Dame, meinen Stolz zu brechen und tatsächlich dorthin zu gehen. Doch es missfiel mir. Es gab kaum einen schrecklicheren Ort, als dieses Stift. Natürlich hätte ich dankbar sein müssen! Aber das konnte ich nicht. Nicht unter diesen Umständen. Mich so zu demütigen!

Dennoch hatte das ganze auch seine guten Seiten: Ich konnte meinen jahrelang angestauten Wissensdurst endlich löschen. Mit einem selten gesehenen Eifer lernte ich Philosophie, Geschichte, Literatur und Mythologie. Besonders letzteres verzauberte mich – es entführte mich in fremde, unbekannte Welten, in denen ich all meine Sorgen vergessen konnte und darin schwelgen durfte. Wie schön musste es sein, ein freier Mensch zu sein, der nicht nach festen Maßstäben leben musste!

Noch mehr als die Mythologie begeisterte mich die Französische Revolution. Sie zog mich in ihren Bann. Ich wollte alles darüber wissen! Diese Verzweiflung der unterdrückten, armen Menschen, diese Leidenschaft, mit der sie kämpften, obwohl sie sich gegen den König stellten! Ich konnte mit ihnen fühlen. Diese Obrigkeit, unter der ich litt – egal ob es sich dabei um meine eigene Mutter, die höheren Damen vom Stift oder die Männer im allgemeinen waren – war einfach übermächtig und schien unüberwindbar. Die Liebesgeschichten der Revolution waren für mich Etwas magisches. In all der Trostlosigkeit des Krieges, des Chaos fanden sich noch Liebende, die ihrem Schicksal trotzten! Ein wunderschöner Gedanke. So jemand wäre ich auch gerne.

Dieses Loch, welches sich in mein Herz gefressen hatte und dort eine unendliche Leere hinterlassen hatte, füllte sich als ich Friedrich Carl von Savigny traf und mich unsterblich in ihn verliebte. Plötzlich liebte, wünschte, glaubte und hoffte ich stärker als jemals zuvor. Nur meine Freundin Bettina von Arnim wusste von meiner heimlichen Schwärmerei. Ich vergötterte ihn, doch ich konnte ihm niemals sagen, dass ich Gedichte schrieb. Schließlich war ich eine Frau! Jahre später heiratete er die Schwester von einem guten Freund von mir: Clemens Brentano.

Ich litt. Nur schreiben und dichten verhalf mir, meine Gefühle zu verarbeiten. Nun legte ich mir mein Pseudonym, „Tian“ zu, mit welchem ich meine Gedichte veröffentlichte. Goethe bezeichnete sie als seltsame Erscheinung, während Clemens Brentano überrascht zugab, dass er nicht verstand, wie sich solch ein ernsthaftes poetisches Talent so lange verstecken konnte.

Trotz des Lobs lehnten mich viele Leser ab, da ich eine Frau war und männlich schrieb. Innerlich musste ich lachen. In Wahrheit wollte die Männerwelt einfach nicht einsehen, dass auch eine Frau imstande war, gute Gedichte zu schreiben. Frauen hatten sich unterzuordnen, Kinder zu gebären und den Haushalt zu erledigen. Und ganz nebenbei auch noch wie ein Schmuckstück aussehen.

Dennoch wollte ich nie ein Mann sein. Das schreckte mich ab. Stattdessen bezeichnete ich mich lieber als Weib mit den Begierden eines Mannes, bloß ohne Männerkraft. Das ganze erzeugte in mir eine innere Zerrissenheit, die ich kaum überwinden konnte.

Alles hätte so bis zu meinem Lebensende verlaufen können. Doch es kommt immer anders, als man denkt.

Bei einem Ausflug zur Abtei Neuburg bei Heidelberg lernte ich Friedrich Creuzer und seine ältere Frau kennen. Was ich für Savigny empfunden hatte war nichts im Vergleich zu diesen überwältigenden Gefühlen für diesen Mann! Er verlegte im Laufe der Zeit meine Gedichte und Werke und kamen uns dabei immer näher. Wir waren bedingungslos und unwiderruflich ineinander verliebt. Obwohl er verheiratet war, versprachen wir uns uns bis in den Tod zu lieben. Sooft es ging, sah ich ihn. Wir schrieben uns Briefe. Ich malte mir aus, was er tat. Für ihn wollte ich sogar Männerhosen tragen, um einer seiner philologischen Vorlesungen beizuwohnen! Mein ganzes Denken und Sein war auf ihn ausgerichtet. Meine Gefühle quollen förmlich über für ihn. Der Gedanke seines Verlustes schnürte mir die Brust zu und ließ den Himmel nur noch grau erscheinen. Das käme einem Untergang gleich!

Eines Tages unterbreitete mir Friedrich, dass er eine Dreiecksbeziehung eingehen wolle. Seine Frau könne Führerin des Haushalts sein. Dieser Gedanke stieß mich zugleich ab wie er mich anzog. Doch ich konnte das nicht tun! Dies widersprach all meinen religiösen, moralischen Vorstellungen!

Wie gerne hätte ich ihm das gesagt und ihm erklärt, wie zerrissen ich innerlich war, aber ich brachte nicht den Mut dazu auf. Ich hatte Angst, ihn zu verlieren, wenn ich ihn zurechtweisen würde. Und ich hatte Angst vor einem Leben, in welchem ich von anderen als „Mätresse“ bezeichnet werden würde. Wo ich gehasst werden würde!

Gott lenkt das Schicksal der Menschen und so tat er es auch bei uns. Friedrich wurde schwer krank und er schwor seiner Frau, sich von mir zu trennen. Dies erfuhr ich nicht persönlich von ihm, sondern durch einen Brief.

Mein Herz zerbarst in diesem Augenblick und es schmerzt mehr als das Fegefeuer es jemals je hätte tun können. Er wollte mich nicht mehr.

Er wollte mich nicht mehr!

Was war mein Leben ohne ihn wert? Nichts!

Ohne ihn wollte ich nicht existieren! Das galt nicht nur für seinen Tod, sondern auch, wenn er mich verlassen würde.

Es tat so weh. Der Schmerz betäubte mich, machte mich rasend, fast wahnsinnig. Die Trauer überwältigte mich, sie kam wie eine große, schwarze Woge und riss mich in die Tiefe, in die Verzweiflung.

So wollte ich nicht leben!

Aber so musste ich auch nicht leben. Schon vor geraumer Zeit habe ich mir von einem Arzt meines Vertrauens erklären lassen, wie man einen Dolch gegen sich führt.

Ich wollte sterben, mich selber töten!

Eine Frau, die sich nach Freiheit sehnte und eine Frau, die von der Liebe ihres Lebens verlassen wurde. Ich stand vor den Scherben meines Lebens.

Deshalb ging ich zum Flussufer im Winkel am Rhein und nahm mir das Leben.

 

Quellen: wikipedia, wortblume