Eine zweite Gruppe hatte die Aufgabe, zu Ludwig Tiecks Gedicht „Melancholie“ einen Tagebucheintrag des lyrischen Ichs zu gestalten. Die Gruppe bestand aus Karoline von Günderrode und Ludwig Uhland. Hier folgt der Text und die Lesung durch Ludwig Uhland:

22.Dezember 1846

Seit langem schon schwebt ein schwarzer Schleier über mir. Er zerrt mich langsam in die Tiefe um mich ganz zu verschlingen. Nun ziehen die Schatten meiner Vergangenheit an mir vorüber. Als natürlicher Sohn ward ich durch die feurige Liebe meiner Mutter geboren. Diese Liebe besiegelte mein Schicksal durch die Götter.

Schon als Kind blieb mir die „Freundschaft“ verwehrt. Die Kinder duldeten zwar meine Anwesenheit, aber dennoch durchdrangen mich verächtliche Blicke. Diese Schmach und der Schmerz war wie eine qualvolle Kälte, die mein Herz umklammerte. Auch die große Liebe meiner Mutter zu mir bot weder Halt noch Schutz vor den verletzenden Worten der anderen.

Immer wieder fanden die Menschen in meiner Nähe Worte und Taten, um noch mehr Salz in meine Wunden zu streuen. Zu dieser Zeit wünschte ich, ich wäre ein Geist und man würde mich einfach nur ignorieren.

Erst durch die Liebe fand ich wieder Hoffnung. Lange zehrte ich von ihr und versuchte so mein Leben wenigstens mit ein wenig Glück zu füllen. Ich erkannte jedoch bald, dass mir auch die Liebe und deren schöne Seiten versperrt waren. Das Mädchen, welches ich liebte gab sich ohne mich eines Blickes zu würdigen denen hin, welche mich am meisten verachteten.

Seit jenem Tag habe ich keine Freude, sondern einzig und allein Verzweiflung empfunden. Selbst der schönste Anblick wandelte sich in ein Schauspiel des Schreckens und der Furcht. All das Glück der anderen bohrte sich wie Messerstiche in mein Herz.

Die Einsamkeit zog mich in ihren dunklen Bann. Und nun wo der schwarze Schleier sanft über meinen Körper streicht, spüre ich das erste mal was es heißt glücklich zu sein.

Wie die Schneeflocken draußen vor meinem Fenster so legt sich auch der Hauch des Todes langsam über mich.

Doch eins werde ich wohl nie verstehen:

Wenn jemand erschossen wird, macht es einen lauten Knall.

Wenn ein Blitz in einem Baum einschlägt, kracht es.

Wenn eine Lawine abgeht, dann donnert es bis tief ins Tal.

Doch wenn ein Herz bricht, das wichtigste vom Menschen, dann hört man keinen Ton.

Es ist stumm….

Download der Lesung