Wir haben nun im Unterricht einige romantische Liebeslieder angehört, die von Mendelssohn-Bartholdy vertont wurden und außerdem eingehender Wilhelm Müllers Gedicht „Lindenbaum“, bekannt auch unter dem Titel „Am Brunnen vor dem Tore“, besprochen. Hier haben wir auch Darstellungen auf Postkarten (s.u.) und die Vertonungen von Franz Schubert (Winterreise) und Friedrich Silcher verglichen. Insgesamt stellten sich folgende Motive als wichtig für die behandelten romantische Liebesgedichte heraus:

motive_liebeslieder

Das Farbschema bei wordle heißt diesmal „Blue meets orange“, was einerseits für das romantische Blau (vgl. die blaue Blume, aber auch Bach, Fluss, Brunnen etc.) und andererseits für das Orange des beliebten Sonnenuntergangs bzw. Abendrots stehen soll.

Formal haben wir festgestellt, dass die behandelten Gedichte sich gerne an der Form der Volkslieder orientieren, d.h. es gibt Strophen mit je 4 Versen, pro Vers meist 3-4 Hebungen und oft wechseln die Kadenzen zwischen männlich und weiblich. Häufig steht ein Kreuzreim, wobei dieser auch unvollständig sein kann und sich dann nur 2 der 4 Verse pro Strophe aufeinander reimen, oft findet sich auch ein jambisches Metrum. Es handelt sich jedoch nicht um „echte“ Volkslieder, sie stammen nicht aus alter, dann aufgezeichneter Überlieferung und sind nicht anonym, sondern wurden von einem romantischen Dichter absichtsvoll nach dem Vorbild des Volkslieds gestaltet, es handelt sich also um romantische „Kunstlieder“.

Wie wir festgestellt haben, können diese Kunstlieder dann aber sehr wohl durch eine Vertonung wieder zu Volksliedern werden, die von einer breiten Bevölkerung gekannt werden, ohne dass den Singenden aber die Autoren der Lieder bekannt wären (oder überhaupt, dass es sich um Lieder der Romantik und nicht um echte Volkslieder handelt, bestes Beispiel etwa „Das Wandern ist des Müllers Lust“, das auch von Wilhelm Müller geschrieben wurde). Ähnliches geschah mit der Vertonung von „Am Brunnen vor dem Tore“ durch Silcher. Hier nochmal das Gedicht von Wilhelm Müller mit einer wunderbaren Postkarten-Illustration von 1917 (aus dem Goethezeitportal):

Der Lindenbaum

mueller_brunnen_wssb_80__500x784_2Am Brunnen vor dem Tore,
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde
so manches liebe Wort;
Es zog in Freud und Leide
Zu ihm mich immer fort.

Ich mußt’ auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht,
Da hab ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,
Als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle,
Hier findst Du Deine Ruh!

Die kalten Winde bliesen
Mir grad in’s Angesicht;
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde
entfernt von jenem Ort,
Und immer hör ich’s rauschen:
Du fändest Ruhe dort.

 

Nähere Informationen zum Gedicht und den Vertonungen mal wieder bei wikipedia