Anmerkung der Redaktion: dies ist das zwölfte Ergebnis zu dieser Aufgabe, Autorin ist natürlich Bettina von Arnim selbst. Viel Vergnügen bei der Lektüre und danke an Frau von Arnim!

Anlässlich des 150. Todestages von Bettina von Arnim wollen wir ihr, einer bedeutenden Romantikerin, gedenken. Bettina von Arnim hatte bereits zu Lebzeiten relativ großes Ansehen, so dass auch ihr Werdegang für die „Romantische Schule(n)“ interessant war und noch immer ist. Die Beschreibung ihres Lebens könnte sich in etwa so zugetragen haben:

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Am 4. April 1785 wurde ich als Tochter des Kaufmanns Peter Anton Brentano und Maximiliane Brentanos (geb. La Roche) in Frankfurt/Main geboren, aber gute Freunde nennen mich auch Bettine. Als siebtes von zwölf Kindern können Sie sich bestimmt vorstellen, dass es daheim immer viel zu lachen und viele Streiche gab, egal ob mit den Kleinen oder mit den Großen. Jedoch am engsten fühlte ich mich mit meinem Bruder Clemens (von meinen Geschwistern) verbunden, der auf meine Entwicklung sowie auf mein späteres Leben sehr großen Einfluss hatte! Aber dazu später mehr.

Nachdem meine Eltern verstorben sind, nahm mich meine herzallerliebste Großmutter Sophie von La Roche bei sich auf. Sie hatte mir ermöglicht Privatunterricht im Zeichnen, der Kompositionslehre und Latein genießen zu dürfen und hielt Kontakt mit vielen bewundernswerten Literaten. So kam es eines Tages, dass ich die Haustür öffnete, mir ein Unbekannter gegenüberstand, meine Hand küsste und ich ihn kurzerhand ohrfeigte. Damals wusste ich nicht, dass es Gottfried Herder war, wie beschämend, aber sie hätten sein Gesicht sehen sollen: Er verzog keine Miene und stellte nur fest, dass ich hoffentlich weiterhin so selbstbewusst sei wie jetzt. Zu ihm schaute ich auf;

überdies fand ich im Haus meiner Großmutter Briefe von Johann Wolfgang von Goethe, in denen alles darauf hindeutete, dass der liebe Goethe mit meiner Großmama liebäugelte. Kurzerhand wollte ich der Sache auf den Grund gehen und nahm sofort Kontakt mit Goethes Mutter und später auch mit ihm selbst auf. Leider waren Goethes Briefe rar und meist nur kurz. Dennoch blieb unsere Freundschaft aufrecht, bis seine Frau Christine unserer Band tiefer Verbundenheit durchtrennte.

Ebenso fasziniert wie von Goethe war ich von der fünf Jahre älteren Karoline von Günderode, die mich lange Stunden meines Lebens als eine recht gute Freundin begleitete und mir zur Seite stand. Während meiner „romantischen“ Zeit, oder wie man das auch immer neudeutsch ausdrückt, tauschte ich mich berühmten Personen, wie Ludwig Tieck (den haben Sie doch auch nach seiner Lebensgeschichte gefragt, nicht wahr?) oder den Gebrüdern Grimm aus, die mich in literarischer Weise inspirierten.

Allerdings muss ich Ihnen gestehen, dass ich immer schon anders war als die anderen, die der Etikette folgten, sich an alle Regeln hielten. Ich war der Meinung auch als Frau, oder gerade als Frau solle man selbstständig sein, sich selbst erforschen und erfahren, durchaus Kontra bieten und seine Lebensträume verwirklichen. In meiner Kindheit war mein größter Traum „Wolkenschwimmer“ zu werden, was meine Großmutter nur mit typisch Bettine kommentierte. Außerdem war ich mit 25 Jahren noch immer nicht das „Weib hinter dem Herd“, wie es eigentlich Brauch war, so früh wie möglich zu heiraten. Schließlich nahm mich mein Bruder Clemens zu seinen Lesetreffen mit und stellte mir Achim von Arnim, einen seiner Freunde vor, der schon bald großes Interesse an mir bekundete, ich mich aber noch gegen die Vorstellung eines braven „Hausmütterchens“ und einer philisterhaften Zukunft wehrte!

Im nachhinein betrachtet mag unsere heimliche Hochzeit 1811 überstürzt scheinen, aber unsere Gefühle sandten uns in die richtige Richtung, nämlich in eine Art Zauber. Um es bei einem Geheimnis oder Zauber zu belassen, konnten wir uns nur in Anwesenheit eines betagten Priesters die ewige Treue schwören, ohne Verwandte oder Bekannte. Dem entsprechend war unsere Hochzeitsnacht äußerst abenteuerlich: Dadurch dass niemand von unserem ewigen Bund wusste, musste sich Achim heimlich in mein Zimmer schleichen, das ich mit wohlriechenden, farbigen Blüten schmückte. Fast hätten ihn meine Schwester Gunda oder mein Schwager auf dem Weg in mein Gemach entdeckt. Welchen Aufruhr das gegeben hätte, können Sie sich heute wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen! Wobei wir nach einigen Tagen unsere Vereinigung eröffneten und der Zauber wohl dadurch entzaubert wurde.

Bereits nach kurzer Zeit holte mich all dies spießbürgerliche Leben ein, in welches ich mich als junge Dame nie hineindrängen lassen wollte! Achim und ich zogen sieben Kinder auf, wobei diese Aufgabe eher die meine war. Denn wenn die Kinder krank waren, war ich es, die sich um sie kümmerte, weil er die meiste Zeit unserer 20-jährigen Ehe auf dem Gut Wiepersdorf verbrachte. Meine Arme und Beine müde, die Augen voll schlaf, die Kehle voll Wiegenlieder, wurde ich selbst zum Kind, das sich erstaunt wunderte, in dieser Welt zu sein! Erst 1831 als mein dennoch geliebter Gatte plötzlich verstarb, konnte ich mich wieder meinem „alten“ Leben widmen, nämlich der Literatur. Ich beteiligte mich an der Pflege von Choleraerkrankten, setzte mich für unterdrückte Randgruppen, wie Juden oder allgemein den Frauen, ein und äußerte meine Haltung aus politischer Sicht

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Anmerkung der Redaktion: Kurz nach Entstehung dieser Aufzeichnungen ist Bettina von Arnim am 20. Januar 1859 in Berlin gestorben, nachdem sie fünf Jahre zuvor einen Schlaganfall erlitt, von dem sie sich nicht mehr erholte.

Den meisten wird sie sicherlich noch als Gesicht des hellgrünen 5-Mark Scheines bekannt sein. Heute gibt es den sog. Bettina-von-Arnim-Preis bzw. Oberschulen mit ihrem Namen, und die Bettina-von-Arnim-Gesellschaft, gegründet zu ihrem 200. Geburtstag, was ihre literarische Bedeutung hervorhebt.

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Quellen: dichterinnen, gutenberg, vonarnim, wikipedia

Anmerkung der Redaktion: dies ist das achte Ergebnis zu dieser Aufgabe, Autorin ist natürlich Karoline von Günderrode selbst, die hier aus der Ich-Perspektive erzählt. Viel Vergnügen bei der Lektüre und danke an Frau Günderrode!

451px-karoline_von_guenderodeAls ältestes von insgesamt sechs Kindern wurde ich, Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode am 11. Februar des Jahres 1780 in Karlsruhe geboren. Wer hätte damals gedacht, dass mein Leben unter einem unglücklichen Stern stehen würde?

Schon früh musste ich Verantwortung lernen und ich bekam zu spüren, was es hieß, ohne Vater aufzuwachsen. Kaum zählte ich sechs Jahre, passte ich zusammen mit meiner Mutter auf meine Geschwister auf und besorgte den Haushalt, so weit es mir möglich war und so weit es sich für ein Mädchen meines Status schickte.

Nach dem Tod meines verehrten Vaters zogen wir in ein verhältnismäßig kleines Haus, welches für unser Adelsgeschlecht mit unserem ehemaligen Status eigentlich nicht angebracht war. Doch wir hatten keine Einnahmequelle, deshalb blieb uns nichts anderes übrig.

Die nächsten Jahre waren eine Zerreißprobe für die Nerven. Wir stritten lange um das Erbe, welches und rechtlich zustand, aber dennoch angefochten wurde. Eine Mutter und ihre älteste Tochter kämpfen um das letzte Hab und Gut, das ihnen noch zu altem Glanz hätte verhelfen können. Je länger man darüber sinniert, desto lächerlicher erscheint es.

Trotz aller Gerichtsverhandlungen vergaß meine Mutter nie, wer sie war und was ich sein würde: Eine adelige Lady eines alten, ehrwürdigen Geschlechtes. Dementsprechend wurde ich auch erzogen. Immer würde und Grazie zeigen, sich Männern unterordnen. Ich fand dies lästig. Hatte ich nicht meinen eigenen Kopf? Musste ich mich immer nach dem „starken Geschlecht“ richten? Ich verstand es nicht ganz, aber ich tat, wie meine Mutter mir geheißen. Ich wollte ihr nicht noch mehr Probleme bereiten, als sie eh schon hatte.

Allerdings geriet ich ein wenig aus der Fassung als ich erfuhr, dass meine Mutter mich in das Cronstetter-Hynspergischen Stift für adlige mittellose Damen schicken wollte. Erst da spürte ich, wie es wirklich um uns stand. Es kostete mich die ganze Kraft einer jungen, 17-jährigen Dame, meinen Stolz zu brechen und tatsächlich dorthin zu gehen. Doch es missfiel mir. Es gab kaum einen schrecklicheren Ort, als dieses Stift. Natürlich hätte ich dankbar sein müssen! Aber das konnte ich nicht. Nicht unter diesen Umständen. Mich so zu demütigen!

Dennoch hatte das ganze auch seine guten Seiten: Ich konnte meinen jahrelang angestauten Wissensdurst endlich löschen. Mit einem selten gesehenen Eifer lernte ich Philosophie, Geschichte, Literatur und Mythologie. Besonders letzteres verzauberte mich – es entführte mich in fremde, unbekannte Welten, in denen ich all meine Sorgen vergessen konnte und darin schwelgen durfte. Wie schön musste es sein, ein freier Mensch zu sein, der nicht nach festen Maßstäben leben musste!

Noch mehr als die Mythologie begeisterte mich die Französische Revolution. Sie zog mich in ihren Bann. Ich wollte alles darüber wissen! Diese Verzweiflung der unterdrückten, armen Menschen, diese Leidenschaft, mit der sie kämpften, obwohl sie sich gegen den König stellten! Ich konnte mit ihnen fühlen. Diese Obrigkeit, unter der ich litt – egal ob es sich dabei um meine eigene Mutter, die höheren Damen vom Stift oder die Männer im allgemeinen waren – war einfach übermächtig und schien unüberwindbar. Die Liebesgeschichten der Revolution waren für mich Etwas magisches. In all der Trostlosigkeit des Krieges, des Chaos fanden sich noch Liebende, die ihrem Schicksal trotzten! Ein wunderschöner Gedanke. So jemand wäre ich auch gerne.

Dieses Loch, welches sich in mein Herz gefressen hatte und dort eine unendliche Leere hinterlassen hatte, füllte sich als ich Friedrich Carl von Savigny traf und mich unsterblich in ihn verliebte. Plötzlich liebte, wünschte, glaubte und hoffte ich stärker als jemals zuvor. Nur meine Freundin Bettina von Arnim wusste von meiner heimlichen Schwärmerei. Ich vergötterte ihn, doch ich konnte ihm niemals sagen, dass ich Gedichte schrieb. Schließlich war ich eine Frau! Jahre später heiratete er die Schwester von einem guten Freund von mir: Clemens Brentano.

Ich litt. Nur schreiben und dichten verhalf mir, meine Gefühle zu verarbeiten. Nun legte ich mir mein Pseudonym, „Tian“ zu, mit welchem ich meine Gedichte veröffentlichte. Goethe bezeichnete sie als seltsame Erscheinung, während Clemens Brentano überrascht zugab, dass er nicht verstand, wie sich solch ein ernsthaftes poetisches Talent so lange verstecken konnte.

Trotz des Lobs lehnten mich viele Leser ab, da ich eine Frau war und männlich schrieb. Innerlich musste ich lachen. In Wahrheit wollte die Männerwelt einfach nicht einsehen, dass auch eine Frau imstande war, gute Gedichte zu schreiben. Frauen hatten sich unterzuordnen, Kinder zu gebären und den Haushalt zu erledigen. Und ganz nebenbei auch noch wie ein Schmuckstück aussehen.

Dennoch wollte ich nie ein Mann sein. Das schreckte mich ab. Stattdessen bezeichnete ich mich lieber als Weib mit den Begierden eines Mannes, bloß ohne Männerkraft. Das ganze erzeugte in mir eine innere Zerrissenheit, die ich kaum überwinden konnte.

Alles hätte so bis zu meinem Lebensende verlaufen können. Doch es kommt immer anders, als man denkt.

Bei einem Ausflug zur Abtei Neuburg bei Heidelberg lernte ich Friedrich Creuzer und seine ältere Frau kennen. Was ich für Savigny empfunden hatte war nichts im Vergleich zu diesen überwältigenden Gefühlen für diesen Mann! Er verlegte im Laufe der Zeit meine Gedichte und Werke und kamen uns dabei immer näher. Wir waren bedingungslos und unwiderruflich ineinander verliebt. Obwohl er verheiratet war, versprachen wir uns uns bis in den Tod zu lieben. Sooft es ging, sah ich ihn. Wir schrieben uns Briefe. Ich malte mir aus, was er tat. Für ihn wollte ich sogar Männerhosen tragen, um einer seiner philologischen Vorlesungen beizuwohnen! Mein ganzes Denken und Sein war auf ihn ausgerichtet. Meine Gefühle quollen förmlich über für ihn. Der Gedanke seines Verlustes schnürte mir die Brust zu und ließ den Himmel nur noch grau erscheinen. Das käme einem Untergang gleich!

Eines Tages unterbreitete mir Friedrich, dass er eine Dreiecksbeziehung eingehen wolle. Seine Frau könne Führerin des Haushalts sein. Dieser Gedanke stieß mich zugleich ab wie er mich anzog. Doch ich konnte das nicht tun! Dies widersprach all meinen religiösen, moralischen Vorstellungen!

Wie gerne hätte ich ihm das gesagt und ihm erklärt, wie zerrissen ich innerlich war, aber ich brachte nicht den Mut dazu auf. Ich hatte Angst, ihn zu verlieren, wenn ich ihn zurechtweisen würde. Und ich hatte Angst vor einem Leben, in welchem ich von anderen als „Mätresse“ bezeichnet werden würde. Wo ich gehasst werden würde!

Gott lenkt das Schicksal der Menschen und so tat er es auch bei uns. Friedrich wurde schwer krank und er schwor seiner Frau, sich von mir zu trennen. Dies erfuhr ich nicht persönlich von ihm, sondern durch einen Brief.

Mein Herz zerbarst in diesem Augenblick und es schmerzt mehr als das Fegefeuer es jemals je hätte tun können. Er wollte mich nicht mehr.

Er wollte mich nicht mehr!

Was war mein Leben ohne ihn wert? Nichts!

Ohne ihn wollte ich nicht existieren! Das galt nicht nur für seinen Tod, sondern auch, wenn er mich verlassen würde.

Es tat so weh. Der Schmerz betäubte mich, machte mich rasend, fast wahnsinnig. Die Trauer überwältigte mich, sie kam wie eine große, schwarze Woge und riss mich in die Tiefe, in die Verzweiflung.

So wollte ich nicht leben!

Aber so musste ich auch nicht leben. Schon vor geraumer Zeit habe ich mir von einem Arzt meines Vertrauens erklären lassen, wie man einen Dolch gegen sich führt.

Ich wollte sterben, mich selber töten!

Eine Frau, die sich nach Freiheit sehnte und eine Frau, die von der Liebe ihres Lebens verlassen wurde. Ich stand vor den Scherben meines Lebens.

Deshalb ging ich zum Flussufer im Winkel am Rhein und nahm mir das Leben.

 

Quellen: wikipedia, wortblume