Schon vor einiger Zeit haben wir im Unterricht das Gedicht „Sehnsucht“ von Joseph von Eichendorff behandelt, das hier neben Caspar David Friedrichs berühmtes Bild „Frau am Fenster“ gestellt ist:

Sehnsucht

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Es schienen so golden die Sterne, 
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leibe entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht,
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht.-

 

Nach der „normalen“ Besprechung sollten sich die Schüler auch kreativ mit dem Text auseinandersetzen. Aufgabe war es, selbst ein „Land der Sehnsucht“ darzustellen. Die erste Gruppe, die dazu arbeitete und aus E.T.A. Hoffmann, Sophie Mereau, August Wilhelm Schlegel und  Wilhelm Müller bestand, lieferte folgendes Ergebnis ab:

Ich stehe da und sehe nichts als die unendliche Weite des Meeres. Die Sonne geht unter, sie scheint ihre letzten Strahlen des Tages, die den Horizont golden schimmern lassen. Umhüllt von einer süßen, warmen Brise, lausche ich dem Gesang der Möwen. Die Welt scheint still zu stehen, keine Sorgen die mich plagen, nur ich allein und sonst nichts. Die Schönheit dieses Ortes bändigt mich.
Doch trotzdem will ich fort. Ich spüre eine Leere in mir, ich weiß nicht woher das kommt.
Mein Herz sucht nach einer unbestimmten Vollkommenheit. Ich werde nicht vorher ruhen, sei es bis an die Ewigkeit, so werde ich das Land meiner Träume mit der Seele suchen.

Die zweite Gruppe, die zu diesem Thema arbeitete, setzte sich aus Adelbert von Chamisso, Karoline von Günderrode, Novalis, Dorothea Schlegel und Ludwig Uhland zusammen und wartete gleich mit zwei Ergebnissen auf. Die Umsetzung der gemeinsamen Ideen lag wesentlich in Karoline von Günderrodes Händen:

Version 1:
Es ist ein kalter, ätzender, verregneter und obendrein vernebelter Morgen.
Nein.
Es ist nicht kalt, es ist arschkalt. Selbst in der tiefsten Antarktis musste es grad wärmer sein als hier! Meine Zehen, die in meinen durchweichten Schuhen langsam abstarben waren eine echte Konkurrenz für jedes tiefgefrorene Fischstäbchen.
Da Vater Staat verarmt ist, kann er sich natürlich keine überdachte Bushaltestelle leisten. Wie käme er auch dazu?
So war ich also dem niederprasselnden, wie aus Eimern gießenden Regen ausgesetzt. Jeder Tropfen, der mich erwischte schien beinahe höhnisch zu spotten: „Hihi! Hab ich dich nass gemacht?!“
Zu allem Überfluss war neben mir noch ein hyperaktiver Presslufthammer, der mit jeder Nanosekunde meine Nerven unter eine Zerreißprobe stellte.
Was hatte ich nur getan, dass mein Tag so beschissen war?!
Nun kam endlich der Bus, der absichtlich so schwungvoll bremste, dass ich eine ganze Ladung abgestandenes Regenwasser, Matsch, Dreck und jede Menge gesunde Bakterien in die Fresse gespritzt bekam. Wütend starrte ich den Bus an. Wenn Blicke töten könnten!
Dabei fiel mir eine TUI-Werbung auf, die am Bus angebracht war.
Ein weiter Strand mit weißem Sand… Wie gerne wäre ich jetzt da!
So schön warm und angenehm… Ich bekam direkt eine Gänsehaut!
Für einen Augenblick schloss ich die Augen und sah alles klar vor mir: Eine Sandbank, so weit das Auge reicht! Die Sonnenstrahlen kitzeln auf meiner Haut und liebkosen sie. Mit jedem Atemzug nehme ich den salzigen Geruch des Meeres in mir auf.
Frisch.
Klar.
Erquickend.
Sanft spielt der Wind mit meinen Haaren und der Sand zwischen meinen Zehen knirscht. Der Strand ist von meterhohen Palmen gesäumt, auf denen bunte Vögel sich niedergelassen haben um liebliche Melodien zu singen.
Zusammen mit dem Rauschen des Meeres ist dies der Gesang des Paradieses!
Oh, jede Faser meines Köpers sehnt sich an solch einen traumhaften Ort…!
Doch plötzlich schreckte ich auf, als ich bemerkte, dass der Bus ohne mich abgefahren ist und mir erneut eine Fuhre Schlamm ins Gesicht schleudert.

Version 2:
Man sollte meinen, dass man sich irgendwann nach all den Jahren daran gewöhnt. Aber selbst nach endlos langer Zeit ist es eine einzige Tortur. Die monotone Stimme des Lehrers, die für den immerzu müden Geist eines hart arbeitenden Schülers wie ein Signal aus dem Orbit ist, erteilt irgendwelche Arbeitsaufträge. Als wäre dies ohnehin nicht schon Stress genug, setzt man uns auch noch unter Zeitdruck.
Jeder normale Angestellte würde fristlos kündigen, wenn er unter denselben Bedingungen wie wir arbeiten müsste.
Das Zimmer hat ein unvergleichliches Aroma, das nur bei 30 denkenden, ungewaschenen und gereizten Schülern zustande kommen kann. Hätte jemand das Patent für diesen wohlriechenden Duft – er könnte Milliarden damit scheffeln!
Aber wen wundert das schon, wenn das Zimmer förmlich kocht? Gelegentlich berichten Augenzeugen, dass sie schon die Luft haben flimmern gesehen. Und dies waren keine Einzelfälle!
Aber man muss auch an die positiven Aspekte denken:
Wo es warm und feucht ist gedeiht nicht nur Schimmel, sondern auch allerlei Spinnen und anderes Getier hervorragend! Anstatt unsere liebe Natur mit ihrer ganzen Artenvielfalt draußen zu studieren, braucht man sich nur lange genug im Zimmer umsehen, um die gesuchte Spezies zu finden.
Apropos Spezies: Immer wieder verirren sich hochentwickelte, zweibeinige Arten zu uns, die glauben, sie müssen uns erklären was wir im Leben alles nicht brauchen.
Das Spektrum ist breit! Von A wie Alkane in Chemie bis Z wie 2. Teil von Goethes „Faust“ in Deutsch.
Bevor ich’s vergesse: Diese hochentwickelte, besserwisserische Spezies namens „Lehrer“ öffnet bei zu großer Hitze das Fenster.
An und für sich eine gute Idee, wenn nicht ein Temperaturunterschied von mindestens 30°C herrschen würde! Aber das soll uns helfen, unseren Arbeitsauftrag zu erledigen. Seit wann funktioniert ein eingefrorenes Hirn? Und nicht vergessen: Bald ist Notenschluss!
Wundert sich da überhaupt jemand, wenn sich ein armer, dummer und gepiesackter Schüler einfach nur den alles erlösenden Gong herbeisehnt? Solch eine winzige kleine Melodie ist für hunderte Menschen wie der Gesang der Engel! Auch wenn es nur Pause ist…
Ein wenig mit Freunden ratschen, lästern.
Den ewigen Stress vergessen.
Aufatmen können und über belangloses Zeug sich den Arsch ablachen.
Die Seele beim neusten Klatsch und Tratsch baumeln lassen.
Erlebnisse austauschen.
Oder einfach nur nebeneinander stehen und ohne Worte seine Qualen mit den Leidensgenossen teilen.
Alles bei einer Stärkung für den nächsten Kampf vergessen.
Ist das nicht herrlich? Das ist Leben!
Die Steigerung ist nur noch die Erlösung – der Gong in der letzten Stunde am Freitag. Wie Besessene stürzen wir aus dieser Anstalt aus.
Nur weg!
Nur Heim!
Das Ziel ist nicht mehr fern!
Freizeit! Oh, du süßes, holdes Wort! Welch eine Erquickung!
So einfach kann man ein Schülerherz zufrieden stellen!

Anmerkung der Redaktion: dies ist das fünfte Ergebnis zu dieser Aufgabe, Autor ist natürlich Joseph von Eichendorff selbst. Diesmal kein Interview, sondern ein Portrait aus der Ich-Perspektive. Viel Vergnügen bei der Lektüre und danke an Herrn Eichendorff!

eichendorffMeine Kindheit im ländlichem Idyll, ein wohlhabendes Heim umgeben von Wäldern, aber auch die Zeit der französischen Revolution mit ihren aufklärerischen Gedanken haben schon zu früher Zeit meine literarische Auffassung geprägt. Direkt zum Schreiben kam ich aber erst dann, als ich während meines Jurastudiums in Heidelberg mit romantischen Literatenkreisen zusammentraf. Im Jahr darauf traf ich Brentano und Schlegel, deren Werke mich zu tiefst beeindruckten. Leider stand meiner Schreibetätigkeit des öfteren das Recht im Wege und das hatte zwar längere Unterbrechungen zur Folge, aber dennoch konnte ich meinen ersten Roman,, Ahnung und Gegenwart“ vollenden. Wie auch im ,,Taugenichts“ spielen in vieler meiner Werke Gedichte eine bedeutende Rolle. Eine Buchausgabe von Gedichten, die 1837 erschien, stellte meinen dichterischen Höhepunkt dar. Neben meinem Ministerialdienst verfasste ich den Roman ,,Dichter und ihre Gesellen“, die Erzählung ,,Das Schloss Dürande“ und im Ruhestand folgte die Literaturkritik ,,Über die ethische und religiöse Bedeutung der neueren romantischen Poesie in Deutschland“. Im Laufe der Jahre geriet ich dann bedauerlicherweise weitestgehend in Vergessenheit, nur meine vertonten Gedichte durch Robert Schumann bleiben häufig in Erinnerung.

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Quelle (u.a.): wikipedia

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Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Dieses kurze, aber für die Romantik programmatische Gedicht von Joseph von Eichendorff haben wir heute im Unterricht behandelt. Es stieß auf geteilte Meinungen: während die einen es durchaus als schön und melodiös empfunden haben, fanden es andere nicht so toll und haben sich vor allem an dem Wort „triffst“ in Vers 4 gestört. Eine kurze Interpretation zu diesem Gedicht gibt es einmal mehr bei Wikipedia.

Und auch das Bild hier, das einen Wünschelrutengänger aus dem 18. Jahrhundert zeigt, stammt von dort. Natürlich kann man hier auch nochmal nachlesen, was Wünschelruten eigentlich sind und wofür sie angeblich dienen sollen.

Wenn sich noch jemand zu diesem Gedicht äußern möchte, kann er das gerne in den Kommentaren tun!