Ich nehme mal an, dass Ihnen allen an einem solchen Sonntagnachmittag und -abend ganz schrecklich langweilig ist. 😉 Und was kann man dagegen tun? Man kann die Blogosphäre nach spannenden Blogs durchsuchen, sich durchgraben, durchlesen usw. Deshalb möchte ich Ihnen hier ein paar Blogs vorstellen, mit denen Sie sich sicher ein paar Stunden lang die Langeweile vertreiben können.

Nachdem die meisten von Ihnen (laut LK-Wahl) ja auch ein großes naturwissenschaftliches Interesse haben, fange ich mal mit den (natur-)wissenschaftlichen Blogs an. Da wäre zum einen das Wissenschafts-Café, das die meisten wissenschaftlichen und deutschsprachigen Blogs versammelt, kurz vorstellt und verlinkt. Hier wird man nahezu zu jedem Themengebiet fündig. Dazu gibt es hier auch regelmäßig Wissenschaftsblogs-Charts, die die erfolgreichsten Wissenschaftsblogs aufführen. Zu den interessantesten gehören meiner ganz persönlichen Meinung nach die Wissenswerkstatt und das Fischblog, das Sie ja schon aus den Kommentaren hier kennen. Professionelle Plattformen für wissenschaftliche Blogs sind außerdem die Scienceblogs (Burda) und die Scilogs (Spektrum der Wissenschaft). Falls Sie auch sprachwissenschaftlich, also linguistisch interessiert sind, finden Sie kompetente Artikel im Bremer Sprachblog

Jetzt aber mal weg von der Wissenschaft und hin zur Literatur, schließlich wird hier Deutschunterricht gemacht! Deshalb möchte ich Ihnen jetzt einige literarische Blogs vorstellen. Aber was ist das eigentlich, ein Literaturblog? Die Definitionsmöglichkeiten sind breit, aber hier meine persönliche: Ich verstehe unter „Literaturblog“ keinen Bücher-Rezensionsblog wie z.B. Liisas Litblog oder auch den Lesekreis. Ich verstehe darunter auch nicht das Tagebuch eines Schriftstellers, wie wir es etwa beim „Leipzig-Tagebuch“ von Else Buschheuer (u.a. Autorin von Ruf! Mich! An!) haben. Erstens erzählt sie hier ausschließlich Geschichten aus ihrem Leben und kommentiert ihren Alltag. Auch wenn das sogar schon in Buchform erschienen ist, für mich sind das keine literarischen Texte im engeren Sinne. Außerdem kann man sich sogar streiten, ob das ein Blog ist: man kann nicht kommentieren! Für mich ist das aber ein Definitionselement, das ganz elementar zu einem Blog gehört.

Was ich also unter Literaturblogs verstehe, das sind „Literarische Blogs“, also Blogs, auf denen literarische Texte (Lyrik oder Prosa) veröffentlicht werden. Das muss nicht ausschließlich der Fall sein (natürlich sind meist auch persönliche Texte eingestreut), aber doch überwiegend. Natürlich ist das eine winzige Nische in der (in Deutschland) ohnehin nicht so großen Blogwelt. Hier wird kein Geld verdient, hier finden sich relativ wenige Leser, hier kommt niemand in die Blogcharts. Die Frage, die sich nun also stellt: Wie findet man literarische Blogs?

Ein möglicher Startpunkt ist trotz allem immer noch das Online-Magazin mindestenshaltbar, das bedauerlicherweise im Mai 2008 eingestellt wurde. Trotzdem findet man hier jeweils zu einem bestimmten Thema literarische Texte von Bloggern und Bloggerinnen. Die Blogs dieser Autoren sind wiederum verlinkt, so dass man sich hier schon einige interessante Literaturblogs zusammensammeln kann. Mindestenshaltbar wurde erst von Katharina Borchert geführt, dann von DonDahlmann übernommen und von knallgrau betrieben, bis diese keine Lust mehr hatten. Das ganze ist magazinmäßig aufgezogen, glänzte jeweils durch eine tolle Grafik, setzte sich bei jeder Ausgabe ein bestimmtes Thema und außerdem gab es Podcasts zu ausgewählten Beiträgen.

Wie gesagt: tot, leider. Eine „lebendige“ Sammelstelle für Literaturblogs findet man unter Litblogs.net, die schließlich im Untertitel schon „literarische Weblogs“ heißen. Dort sind die Feeds von momentan 17 selbständigen literarischen Blogs versammelt. Das Projekt wurde 2004 von Markus A. Hediger und Hartmut Abendschein gegründet und gedeiht und wächst seitdem sanft vor sich hin. Die Feeds aller Blogs sind dort direkt als Paket abonnierbar. Es lohnt sich wirklich, dort zu stöbern!

Einer der dort vertretenen Autoren ist Alban Nikolai Herbst mit seinem Weblog Die Dschungel. Alban Nikolai Herbst heißt eigentlich Alexander von Ribbentrop und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Bekannt wurde er wahrscheinlich vor allem durch einen „Literaturskandal“, gegen seinen Roman „Meere“ hatte eine ehemalige Gefährtin 2003 eine einstweilige Verfügung erwirkt. Alban Nikolai Herbst (kurz auch ANH genannt) bloggt seit 2004 und nennt sein Blog auch „seinen Roman“. Dieser heißt nicht umsonst „Die Dschungel“, denn der Aufbau der Seite mit all den Unterkategorien und mit all den anderen Autoren, die neben ANH selbst auf „Die Dschungel“ schreiben, ist höchst kompliziert und verschachtelt und außerdem von einer Vermischung von Fiktion und Realität gekennzeichnet. Das sollte einen vom Lesen aber keinesfalls abhalten. Auf der Hauptseite finden sich jeweils eigene und fremde Texte, aber manchmal auch Gedichte, die noch überarbeitet werden. Die Überarbeitung durch und nach Kommentierung wird so sichtbar, was ein höchstspannender Prozess ist. Außerdem gibt es Albans Arbeitsjournal, aus dem ersichtlich wird, dass der Arbeitstag des Autors jeweils gegen 5:30 Uhr beginnt. Auch als Mittel zur Selbstdisziplinierung gedacht (wenn ich das richtig verstanden habe), erfährt man dort, woran Alban arbeitet, welche Musik er hört und auch einiges aus seinem ganz persönlichen Leben. Mehr dazu kann man auch in der Rubrik Tagebuch lesen, wo allerdings nicht nur Alban selbst, sondern auch verschiedene andere Personen (von denen man nicht so genau weiß, ob es sie wirklich gibt) schreiben, die Identitäten bleiben unklar, was ja aber auch ganz reizvoll ist. Ein interessantes Projekt war auch Albans Werkstatt, eine virtuelle Literaturwerkstatt, die er in Zusammenhang mit seiner Poetikprofessur in Heidelberg begonnen hatte. Hier konnte jeder seine Texte einstellen, entweder einfach so oder zu einem gestellten Thema und Alban lektorierte und verbesserte. Sehr hilfreich und ein herausragender Service. Das Ganze ist inzwischen ins „Virtuelle Seminar“ der Uni Heidelberg verlegt worden, sicher auch einen Besuch wert!

Weitergehen soll es jetzt mit Sudabeh Mohafez, einer in Teheran geborenen Schriftstellerin, die in Stuttgart lebt und schon mehrere Erzählungen und einen Roman veröffentlicht hat. 2008 war sie für den Bachmannpreis nominiert, ebenfalls 2008 erhielt sie den MDR-Literaturpreis. Ihr Blog heißt ganz bescheiden „zehn zeilen – eukapirates versucht sich an der kleinen Form“. Sie schreibt hier in unregelmäßigen Abständen jeweils 10 Zeilen nach der Methode: maximal 10 Minuten schreiben, maximal 2 Mal überarbeiten. Mit immer wieder interessanten Ergebnissen.

Auch Benjamin Stein, der in München lebt, hat schon Preise erhalten, unter anderem für seinen Roman „Das Alphabet des Juda Liva“, 1993 hat auch er am Bachmannwettbewerb teilgenommen. Auf seinem Blog Turmsegler erscheint ein Mix aus Rezensionen, aus Gedichten und Zitaten anderer Schriftsteller mit Kommentar, Berichten aus dem eigenen Leben und eigenen literarischen Texten. So kann man auch hier dem Entstehen literarischer Werke zusehen.

Ein wunderbarer Lyrik-Blog ist Helmut Schulzes Blog „Parallalie“. Helmut Schulze lebt in Umbrien (Italien) und schreibt dort seine kleinen Texte.

Ein letzter Favorit von mir sind die Niemandslandtage. „Nellas Niemandsland: Neurosen, Nettigkeiten und notwendiger Nonsens“ enthält kurze Texte in einer wunderschönen Sprache, die einen besonderen Reiz nochmal daraus gewinnen, dass völlig unklar bleibt, ob sie fiktiv oder autobiographisch sind.

Wie gesagt: eine völlig subjektive Auswahl! Wenn Sie sich auf die Reise durch die Blogwelt begeben sollten und auf andere interessante Blogs stoßen, dann teilen Sie das doch Ihren Mitschülern in den Kommentaren mit! Ach ja, wer sich für die (oft sehr lustigen) Erlebnisse einer Buchhändlerin interessiert, kann sich bei „Buchhändleralltag und Kundenwahnsinn“ umschauen.

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Noch ein paar Hinweise, die ich im Unterricht ja schon angesprochen habe:

Ja, Rechtschreibung ist in Blogs tatsächlich sekundär. Tippfehler passieren sowieso, aber auch ansonsten darf und soll in Blogs auch jeder schreiben, sich frei äußern, ausdrücken und entfalten, auch wenn er die Rechtschreibung nicht perfekt beherrscht. Schauen Sie sich mal in Blogs um, da gibt es jede Menge schwarze Schafe. Deshalb werde ich natürlich auch die Kommentare oder Beiträge nicht irgendwie verbessern und korrigieren. So lange es verständlich ist und die Leser wissen, was man sagen will (das ist allerdings wichtig, es geht ja um Kommunikation!), ist alles in Ordnung. Und: nein, wir können die nächste Klausur nicht im Blog schreiben! 😉

Zum Duzen: Das Phänomen Blogosphäre habe ich ja schon erklärt, es entsteht ein virtueller Raum, ein Netzwerk, es entsteht ein Diskurs und es entsteht Nähe. Die Web-2.0-Menschen sind meistens ein bisschen verrückt, aber meistens auch schrecklich nett, man versteht sich einfach, ist auf einer Wellenlänge, hat sich etwas zu sagen, man ist ja verbunden über das Medium Blog und das Interesse daran. Und deshalb ist ganz klar, dass sich alle selbstverständlich duzen. Denn die Kommunikation ist hier nie hierarchisch, sondern gleichberechtigt, findet auf einer Ebene statt, niemand belehrt den anderen, jede Meinung ist gleich wichtig! Ausnahmen sind manche Literaturblogs, wo es etwas vornehmer zugeht und dann doch höflich gesiezt wird. Warum ich mich dem allgemeinen Blog-Geduze nicht anschließen kann, habe ich ja schon gesagt: die Lehrprobe kommt noch und es wird doch gern gesehen, wenn in der Kollegstufe gesiezt wird. Und wenn ich hier duze und sonst sieze, komme ich nur unnötig durcheinander.

Eine andere Frage war auch, wie man zu diesen hübschen Bildchen neben seinem Kommentar kommt. Wenn Sie Interesse daran haben (weil Sie z.B. auf den Geschmack gekommen sind und auch in anderen Blogs kommentieren wollen), dann können Sie sich so einen Gravatar hier anlegen. Man ordnet hier seiner Mailadresse einfach das gewünschte Bild zu (bleiben Sie aber anständig!) und dies erscheint dann immer, wenn man seine Mailadresse ins Kommentarfeld eines Blogs eingibt.